"Auf
Veranlassung des Institutes für Denkmalpflege in Schwerin besichtigte
am 18.7.60 der Unterzeichnende in Begleitung von Herrn Dipl.-Ing. Polenz
die Ruine der Marienkirche in Wismar, um die Standfestigkeit zur Sicherung
der vorhandenen Bausubstanz zu erörtern. Über die Ortsbesichtigung
liegt bereits der Aktenvermerk vom 23.7.60 vor, dessen Inhalt an Hand der
diesem Gutachten beiligenden Zeichnungen und der Photos wiederholt bestätigt
wird. ................
Durch
Kriegseinwirkungen sind sämtliche Gewölbe, die Seitenhallen und
ein Teil der Seitenschiffwände zerstört worden. Die Dachdeckung
auf dem über dem Mittelschiff noch erhalten gebliebenen Dachstuhl
fehlt. Die herabgestürtzten Trümmer sind beräumt worden
und die gesamte Ruine wurde mit einem Zaun umgeben......
......... Da während der letzten
15 Jahre keine Sicherungsarbeiten am Kirchenschiff ausgeführt wurden,
sind inzwischen örtliche Schäden entstanden, die den bereits
abgesperrten Raum unter der Ruine gefährden.
1. Der ursprünglich noch gut erhaltene Dachstuhl
über dem Hochschiff hat unter den Witterungseinflüssen gelitten,
so daß sich einige Gespärre gelockert haben und zum Teil abgestürzt
sind.
Trotzdem können noch wesentliche Teile des Dachholzes bei der Instandsetzung
wieder verwendet werden..................
2. Nach der Zerstörung der Hochschiffgewölbe
haben die Schwibbögen an der Nord- und Südseite ihre Spannung
verloren. Die noch vorhandenen Schwibbögen an den Längswänden
sind einsturzgefährdet.
Die Schwibbbögen am Chor sind dagegen noch fest,
weil die Umfassungswände des Chores
infolge des polygonalen Grundrisses sehr steif sind.
............
3.
Die Beiden Hochschiffwände werden
durch den Turm, das Chorpolygon und den Dachstuhl ausgesteift. In der Mitte
zwischen Turm und Chor haben die nach dem Gewölbeeinsturz nur einseitig
wirkenden Schwibbögen besonders an der Südseite die Hochschiffwand
etwas nach innen gedrückt. Hierdurch sind an den inneren Pfeilervorlagen
waagerechte Zugrisse entstanden. Nach dem Einsturz der Schwibbögen
ist die Ursage für die Verformung nicht mehr wirksam und es ist keine
weitere Zunahme zu erwarten.
4. Schräge Risse in den Fensterblenden des Hochschiffes am Chor und am Turm, zeugen von Setzungsunterschieden zwischen Chor, Langhaus und Turm. Diese sind offensichtlich schon alt und waren schon vor der Zerstörung vorhanden. Auch die leichte Neigung des letzten Pfleilerpaares am Chor nach Osten sind eine alte, unbedenkliche Verformung.
5. Bei drei Hochschiffpfleilern sind lotgerechte Risse an den Kapitellen vorhanden. Diese sind vermutlich durch Lockerung der äußeren Mauerschale bei der Erschütterung während des Gewölbeinsturzes entstanden und lassen sich durch Umschnürungen mit Flacheisenankern leicht festigen.
6. Bei den beiden westlichen Kapellen an der Nordseite
sind die äußeren Fensterstürze locker
und drohen mit dem Traufgesims abzustürzen.
7. Teilweise fehlt an den Abbruchflächen die äußere Mauerschale. Durch eindringende Feuchtigkeit kann sich das angrenzende Mauerwerk allmählich lockern.
Außer diesen örtlich begrenzten
Mängeln ist die Ruine der Marienkirche zu Wismar noch gut erhalten.
Irgendwelche sonstigen Verformungen, die auf das Nachlassen der Standfestigkeit
des gesamten Bauwerkes schließen lassen könnten, sind nicht
vorhanden. Das Mauerwerk zeigt keine Feuchtigkeits-, Frost- oder Brandschäden.
Mörtel und Steine sind trotz ihres hohen Alters guter Qualität.
Die Instandsetzung wird in der angegebenen Reihenfolge vorgeschlagen:
a. Beseitigung der in Punkt 1, 2 und 6 genannten
Gefahrenpunkte durch Abbruch der losen Bauteile .....
b. Ergänzung der Abbruchflächen durch
Entfernen lockerer Steine und Wiederherstellung der glatten Maueroberfläche.
c. Abschnittweiser Einbau je eines Stahlbetonbalkens
zwischen Turm und Chor zur Verbesserung der Aussteifung der
beiden Hochschiffwände.
d. Wiederherstellung des Daches über dem
Hochschiff und den noch vorhandenen Teilen der Seitenschiffe. Damit wäre
zunächst ein ähnlich
gesicherter Bauzustand wie an der Ruine des Klosters Chorin erreicht.
e. Der weitere Ausbau der Runine und die Ergänzung
der Seitenschiffe könnte sich dann nach der künftigen Nutzung
richten.
........... Außer den Gewölben ist nur verhältnismäßig wenig von der wertvollen Bausubstanz durch Kriegseinwirkungen zerstört worden. Mit den heutigen Mitteln der Bautechnik können die örtlich begrenzten Schäden leicht beseitigt und die Standfestigkeit kann voll wiederhergestellt werden, wobei die Arbeit in kleine Bauabschnitte über mehrere Jahre verteilt werden kann.
Dresden, den 8.8.1960
gez. Unterschrift W. Preiss
Dipl.Ing. W. Preis - Dresden
Bauschsachverständiger für konstruktive
Sicherung von Baudenkmälern.
Glossar gotischer
Begriffe
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