Aus: Mecklenburgische & Pommersche Kirchenzeitung, Nr. 8 2005, Seite 10:
                     „Einstehen für das, was man für wichtig hält“
Marie-Louise Henry: die erste Professorin Deutschlands für Altes Testament und ihre Liebe zu Wismar

Vorspann:
Wenn am kommenden Montag der Konvent der evangelischen Theologinnen in Deutschland in der Rostocker Universitätskirche sein 80jähriges Bestehen feiert, wird voraussichtlich auch eine der theologischen Wissenschaftlerinnen der ersten Stunde mit dabei sein: Marie-Louise Henry. Tilman Baier hat sie besucht:

Erstmals war ich Marie-Louise Henry begegnet, als sie 1991 in der Aula der Rostocker Universität den Festvortrag hielt zum xxx Bestehen der Theologischen Fakultät. Die Bitte an die emeritierte Theologieprofessorin aus Hamburg, diese Aufgabe zu übernehmen, war nicht von ungefähr gekommen: Zwar wurde sie in Brüssel geboren, am 15. Juni 1911, zwar wirkte sie die meiste Zeit ihres Wissenschaftlerinnenlebens in Hamburg – doch die prägendsten Jahre hat sie in Mecklenburg erlebt. Hier ging sie zur Schule, hier entdeckte sie ihre Liebe zur Theologie, insbesondere für das Alte Testament, hier verdiente sie sich wissenschaftliche Anerkennung, so dass sie 1959 als erste Frau in Deutschland auf einen Lehrstuhl für Altes Testament, den in Leipzig, berufen wurde.
Auch heute wird die nun 93jährige besonders lebhaft, wenn das Gespräch auf Mecklenburg kommt. Hierher hatte es die Familie verschlagen, als der Vater, der aus der französischen Möbeldynastie Henri stammte, starb, und die aus Deutschland stammende Mutter 1918 in Brüssel keine Perspektive mehr sah. Über eine kurze Zwischenstation im Rheinland kamen sie nach Mecklenburg, „als Strandgut des Ersten Weltkrieges. Meine Mutter meinte, dass es dort am ehesten etwas zu Essen geben würde“, erklärt Marie-Louise Henry lachend. „So kam ich als kleines Mädchen nach Wismar und habe mich sofort in diese Stadt verliebt.“
Besonders hatte es ihr das Ensemble von Georgenkirche, Füstenhof, Marienkirche und Alter Schule angetan – eine Liebe, deren Verletzung sie mit dem Staat DDR brechen ließ: Als sie 1960 in Leipzig erfuhr, dass das zwar durch Bomben beschädigte, aber reparable Kirchenschiff der Wismarer Marienkirche gesprengt werden sollte, um einem Parkplatz zu weichen, schrieb sie einen Protestbrief an Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Ob sie denn gar keine Angst hatte? „Man muss für das, was man für wichtig hält, einstehen. Hätte ich den Brief nicht geschrieben - ich hätte keine Zeile Altes Testament mehr lesen können“, sagt sie und erzählt, dass sie zwar versucht habe, an der Leipziger Fakultät auch andere zum Protest zu bewegen. Doch die meisten hatten Angst. „Es herrschte dort eine andere Atmosphäre als an der Fakultät in Rostock, wo ich herkam. In Rostock gab es einen starken Zusammenhalt, geprägt vor allem durch Professoren wie Gottfried Quell und Konrad Weiß. Die Fakultät in Leipzig dagegen war schon vom kommunistischen Staat unterwandert“, lautet ihr Urteil im Rückblick. Als dann die Marienkirche in Wismar am 18. August 1960 gesprengt wird und dann noch am 13. August 1961 die Mauer in Berlin gebaut wird, gibt es für sie keinen Grund mehr, in der DDR zu bleiben, auch nicht ihr Universitätslehrstuhl. Sie besinnt sich auf ihre französische Abstammung und darf legal am 14. November 1961 ausreisen – über den Alliierten- und Ausländergrenzübergang Check Point Charlie in Berlin.
In Hamburg hält sie sich zuerst mit wissenschaftlichen Hilfsarbeiten und Bibliotheksdiensten über Wasser und muss „nebenbei“ ihre wissenschaftliche Qualifikation als Hochschullehrerin erneut unter Beweis stellen. 1963 habilitiert sie sich erneut und kann nun wieder als Wissenschaftlerin arbeiten. 1973 wird ihr ein Lehrstuhl für Altes Testament in Hamburg angeboten wird. Sie nimmt an und wird so die erste Professorin am Hamburger Fachbereich Theologie.
Auch wenn sie etliche wichtige wissenschaftliche Arbeiten verfasst hat, so war ihr der Beruf als Lehrerin ihrer Studenten wichtiger. „Auch das ist ein Erbe der Wismarer und Rostocker Jahre“, sagt sie und erzählt, wie in Wismar das kleine, schüchterne Mädchen Marie-Louise Pädagogen begegnete, die in ihr die verborgenen Talente und das Selbstvertrauen weckten. „Mein Dank gilt vor allem den Lehrern, die mich so erzogen haben, dass ich in den Stunden der Bewährung dem NS-Regime und dem kommunistischen Regime etwas entgegensetzen konnte.“ Dazu kommen ihre Erfahrungen in der Gemeindearbeit in einer „Arme-Leute-Gegend“ von Berlin und im dortigen Johannesstift nach dem Theologiestudium.
Noch heute gerät die zierliche Frau in Rage, wenn sie auf die einzigartigen Verbrechen des Nationalsozialismus wie in Auschwitz zu sprechen kommt. Doch sie will auch dem untergegangenen DDR-Regime nicht verzeihen, nicht die Gewissensnöte, in die „ihre“ Studenten gebracht wurden, nicht die „Kulturbarbarei“. Ihre Wut wächst aus einer tiefen Liebe zur Menschheit und ihren Kulturleistungen. Nicht zufällig stehen der siebenarmige Leuchter und ein Modell der Wismarer Georgenkirche auf Ehrenplätzen in ihrer Wohnung. Wie hatte sie wegen der Marienkirche an Grothewohl geschrieben? "Herr Ministerpräsident, ich beschwöre Sie, Ihre Hand über diesen Bau zu halten. Wehren Sie von der Deutschen Demokratischen Republik (....) die Schande ab, ohne Not ihre anvertrauten Kulturdenkmäler zerstört oder gefährdet zu haben. Ein Volk, das nicht entschlossen ist, mit letzter Kraft sein kulturelles, historisches und geistiges Erbe zu bewahren, ist nicht wert, ein solches zu besitzen."
Tilman Baier
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