Auszug aus der Mecklenburgischen & Pommerschen Kirchenzeitung; Nr. 3 vom 18. Januar 2004:

"Wo die Jacobikirche in Rostock stand, ist ein Park entstanden!"

Ein Stein verweist auf den Altar                  Fotos: Georg Scharnweber
Jahrzehnte lang war der Ort mit Imbissbuden zugestellt - nun ist ein Gedächtnispark entstanden

Wer vom Rostocker Uniplatz ein paar Schritte nordwestlich geht, wird nicht schlecht staunen. Noch gerade befand er sich im quirligen Zentrum der Stadt, hier, einen Steinwurf davon entfernt, erwartet ihn ein Ort der Ruhe und der Besinnung.
Da, wo einst die Jakobikirche stand, ist ein städtischer Gedenkplatz und Garten entstanden. Am 12. Dezember des vergangenen Jahres wurde der neu gestaltete Jakobikirchplatz der Öffentlichkeit übergeben; der Ministerpräsident und der Oberbürgermeister gaben sich die Ehre. Alle, die diesen städtischen Schandfleck aus DDR- Zeiten und auch der Nachwendezeit kennen, werden aufatmen. Der “Störtebecker- Platz” war verwilderte Baulücke, die Fressbuden machten ihn auch nicht gemütlicher.
Heute trifft der Besucher auf ein eingefasstes Areal, das zum Verweilen einlädt. Zehn Meter hohe Betonstelen, mit Holzlamellen verbunden, symbolisieren im Norden die Höhe der vernichteten Kirche. Den Platz durchzieht eine geschwungene Kante, die den ausgegrabenen von dem nicht erforschten Teil abtrennt. An neun Stellen geben Bronzetafeln Hinweise, wo früher der Altar, der Taufstein, die Orgel u.s.w. der Kirche gewesen sind.
Dass die Stadt sich zu solch einer mutigen Gestaltung entschlossen hat, ist nicht zuletzt dem Einsatz mancher kirchlicher Stimmen zu verdanken, die verhindern wollten, dass hier ein weiteres Kaufhaus errichtet wird. Um so verwunderlicher- vorsichtig formuliert- war es für uns, dass wir zwar freundlich zu der Einweihung geladen waren, jemand von der Kirche als Redner jedoch nicht vorgesehen war. Nach kurzfristiger Intervention der Landessuperintendenten beim Oberbürgermeister war die Zusammenarbeit mit der federführenden Rostocker Gesellschaft für Stadtentwicklung dann jedoch ohne Probleme.
Und ein kirchliches Wort hätte wahrlich gefehlt an diesem Tag. Viele kamen, die die Kirche noch gekannt und geliebt haben, die sich für den Erhalt ihrer Ruine eingesetzt haben; die meisten Gesichter waren wohl kirchlichen Kreisen zuzuordnen. Es war für viele bewegend, an diesem Ort noch einmal Orgelklänge zu hören, wenn auch nur von der Elektroorgel, bedient von Kantor Karl Scharnweber. Harry Donner, langjähriges Jakobi- Kirchmitglied, erzählte in die Kameras des Nordmagazins, wie er als Sänger des Jakobi- Knabenchores seinerzeit zweimal sonntäglich seinen Auftritt hatte in der Kirche, jedes Mal mit 25 Pfennig vergütet. Und für mich war es alles andere als eine alltägliche Aufgabe, als erst seit August für die Innenstadtgemeinde tätiger Pastor das Wort zu ergreifen, unmittelbar nach meinem Landesvater.
Und doch hat sich der Einsatz in meinen Augen gelohnt. Am Tag der Einweihung wurde allen noch einmal bewusst, welchen Verlust die Stadt erlitten hat durch die Zerstörung ihrer, wie viele behaupten, schönsten Kirche. Der gestaltete Platz hält mahnend die Erinnerung wach, welche Wunden die britischen Bomben 1942 gerissen haben. Doch St. Jakobi wäre nach dem Krieg noch rettbar gewesen. Erst 1947 zerstörte die von den Russen veranlasste Sprengung eines benachbarten Bunkers so viel, dass an Wiederaufbau nicht mehr zu denken war. Jahre lang blieben der Turm und die Mauerreste des Chores als Ruine stehen. Da setzten sich die Kräfte in der Stadt durch, die ohne gesetzliche Grundlage, gegen den massiven Einspruch der Kirche und der Denkmalpflege, gegen den Willen vieler kritischer Rostocker die Kirchenruine vernichten wollten. Die Chormauern waren 1958 schnell gesprengt. Der vorgeblich einsturzgefährdete Turm musste in monatelanger Kleinarbeit abgetragen werden, bis 1960 nichts mehr übrig blieb als einige Fundamente.
Die einstmalige Domkirche Rostocks ist unwiederbringlich verloren. Aber ein würdiger Ort erinnert an den stolzen Bau und seine Funktion und lädt Besucherinnen und Besucher zum stillen Gedenken ein.
Wenn man den Platz betritt, wird man von einer Informationstafel begrüßt. Wie gut, dass sich neben den Fakten auch ein Bibelvers aus Psalm 26 findet: “Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.”
Tilman Jeremias

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